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Reisebericht eines T-Shirts: Ein Alltagsprodukt erklärt die WeltwirtschaftQuelle: AmazonISBN: 3548369456 8,95 EUR
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Features
Beschreibung
Hätten Sie gedacht, dass die US-Zollbehörden mehr Geld durch die Einfuhr von Unterwäsche aus Kambodscha einnehmen als durch australischen Wein oder japanischen Stahl? Und dass der Betrag, den die amerikanische Regierung Jahr für Jahr ausgibt, um die einheimische Textilindustrie vor Importen zu schützen, größer ist als das Bruttoinlandsprodukt einiger der ärmsten baumwollproduzierenden Länder? Jeder erhaltene Textil-Job kostete den amerikanischen Steuerzahler im Jahr 2002 stolze 175.000 Dollar. Dagegen nehmen sich die Summen, mit denen deutsche Stahl- und Kohle-Arbeitsplätze subventioniert werden, geradezu wie ein Witz aus.Wer dem freien Welthandel das Wort redet, erntet oft den Vorwurf, dadurch würde nur der „Wettlauf nach unten“ beschleunigt: Wann immer ein Produkt anderswo billiger hergestellt werden kann, wandern die Arbeitsplätze dorthin ab -- und die sozialen Standards sinken. Vor allem die berüchtigten „Sweatshops“, wo in der Hauptsache Frauen für niedrigste Löhne härteste Arbeit verrichten, sind vielen Globalisierungskritikern ein Dorn im Auge. Pietra Rivoli, Wirtschaftsprofessorin an der Georgetown University in Washington, D.C., beschloss, all diese Argumente zu überprüfen, indem sie den Produktionszyklus eines einzelnen T-Shirts verfolgte: Von der Baumwoll-Plantage bis in die Läden der Einzelhandelsketten (und sogar darüber hinaus: auch dem Altkleider-Export nach Afrika widmet sie ein interessantes Kapitel!). Die Reise führte die Autorin von Texas über Schanghai nach Daressalam und erbrachte einige verblüffende Ergebnisse.
Am wenigsten überrascht noch, dass die (im internationalen Vergleich „teuren“) Arbeitsplätze in der US-Textilproduktion mehr durch Automatisierung und technischen Fortschritt gefährdet sind als durch Konkurrenz aus anderen Ländern. „Selbst wenn die amerikanischen [ergänze: deutschen, schweizerischen...] Firmen völlig von der Konkurrenz geschützt würden, stünden die Unternehmen immer noch untereinander im Wettbewerb, und jede Firma, die lieber Jobs erhält als mit der fortschreitenden Automatisierung Schritt zu halten, wäre durch die höhere Produktivität der Konkurrenz im eigenen Land bald vom Markt verdrängt.“
Erstaunlicher ist schon, dass zwischen 1995 und 2002 allein die chinesische Textilbranche -- Hauptziel aller protektionistischen Abwehrbemühungen -- zehnmal soviele Jobs abbaute wie ihr amerikanischer Widerpart. Rivoli: „Die Textiljobs verschwinden nicht nach China. Die Textiljobs verschwinden. Punkt.“
Und geradezu gewagt erscheint zunächst die These, dass die vielen Sweatshops letztlich zur ökonomischen und sozialen Befreiung der Frau führten. Doch gegen die Tatsache, dass junge Chinesinnen -- wie soziologische Untersuchungen ergeben haben -- trotz allem lieber in der Fabrik als auf dem Land arbeiten, wo die Arbeit nicht nur genauso hart ist, sondern die Frauen auch noch mit patriarchalen Strukturen zu kämpfen haben (Stichwort: Zwangsverheiratung) – lässt sich kaum argumentieren. Der Versuch, den „Wettlauf nach unten“ zu verbieten, sei daher schlicht „unsinnig“, schreibt Rivoli: Denn was solle man einer Frau sagen, die vor allem deshalb in die Fabrik gehe, um dem von den Eltern festgelegten Lebensplan zu entfliehen? Lieber sollten die Globalisierungsgegner sich mit den sozialen und politischen Rahmenbedingungen beschäftigen (Bildung, freie Wahl des Arbeitsplatzes, sichere und gesunde Arbeitsplätze, etc.) und sich dafür einsetzen, dass der Standard des „Unten“ so menschenfreundlich wie möglich definiert wird.
Globaler Kapitalismus und Arbeiterrechtsbewegung, so Rivolis Fazit, seien keine Feinde, sondern Kollaborateure, „wenn auch unbeabsichtigt und ohne es zu wissen. Gemeinsam arbeiten sie daran, die conditio humana zu verbessern.“
Ein spannendes, lehrreiches und streitbares Buch, das jeder gelesen haben sollte, der nicht nur die Phrasen der Globalisierungs-Befürworter und –Gegner nachplappern, sondern sich ein eigenes Bild von den komplizierten weltwirtschaftlichen Zusammenhängen machen möchte. --Axel Henrici
Kunden Meinungen
Globalisierung verständlich
Datum:24.01.2010 - Rating: 4/5Den Globalisierungsprozess als auch das stete Lobbying der Amerikaner für die ureigenen Interessen einfach und verständlichst zu erklären wäre fast nicht möglich, gäbe es nicht dieses praxisbezogene Büchlein. Vom Rohstoff bis zur letzten Produktverwendung - ein T-Shirt geht um die Welt. Empfehlenswert, leicht lesbar und die grundsätzlichen Globalisierungsprozesse werden von jedermann oder jederfrau verstanden.
Das Leben kümmert sich nicht um Theorien
Datum:15.07.2007 - Rating: 4/5Ein Wirtschaftsbuch, das an keiner Universität zur Pflichtlektüre gehört und dessen deutsche Übersetzung dennoch die fünfte Auflage erlebt, muss etwas Besonderes an sich haben. Ihm auf die Spur zu kommen, war einer der Gründe, weshalb ich die 335 Seiten las. Eine weitere Motivation war, dass ich den Übersetzer vor Jahren an einer Buchvernissage kennen lernte. Um diesen Part gleich zu erledigen: Er hat seine Aufgabe toll gelöst, indem er sich nicht sklavisch an den Satzbau des Amerikanischen hielt, sondern den Text in ein Deutsch übersetzte, das wir uns inzwischen von den Medien und der Werbung gewohnt sind.
Um sowohl den Gegnern als auch den Befürwortern von Globalisierung und freier Marktwirtschaft unnötige Enttäuschungen zu ersparen, empfehle ich ihnen, nach Vorwort und Prolog gleich noch den Schluss zu lesen. Denn obwohl sich Pietra Rivoli als Wissenschaftlerin versteht, ist sie weit davon entfernt, ökonomische Wahrheiten zu verbreiten. Der deutsche Untertitel "Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft" gehört daher zu den üblichen Dummheiten einer Marketingabteilung. Wenn das Buch etwas erklärt, so ist es gerade die Unmöglichkeit, komplexe Systeme in das starre Korsett einer Theorie zu zwängen. Das ist sicher einer der Gründe, weshalb Ideologen und Fundamentalisten aller Art keine große Freude an Pietra Rivolis Reisebeschreibung haben.
Meine Freude wurde nur dort gedämpft, wo die Autorin das Prinzip Storytelling verließ und sich dazu gedrängt fühlte, den Leser mit Zahlen, Namen, Daten und Fakten voll zu stopfen. Denn das lässt den Spannungsbogen unnötig zusammenfallen, ohne dass dadurch viel gewonnen wird. Als Lektor hätte ich Pietra Rivoli geraten, solche Exkurse in einen Anhang zu verpacken. Das hätte dem Buch nicht nur die Höchstnote eingebracht, sondern auch ein Publikum angesprochen, das mit so detaillierten Ausführungen nichts anfangen kann.
Die Reisebeschreibung eines T-Shirts ist in vier Teile gegliedert. Zu Beginn erfahren wir, wie der Mensch zur Baumwolle kam und wie sehr dieses Produkt im Zentrum des politischen und wirtschaftlichen Geschehens vieler Länder steht. Im zweiten Teil nimmt uns die Autorin auf ihre Reise nach China mit, um exemplarisch vorzuführen, wie der Wettlauf nach unten funktioniert. Der dritte Teil zeigt eindrücklich, wie wenig planbar die Folgen staatlicher Eingriffe sind und wie das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit zu protektionistischen Maßnahmen absurdester Art führt. Im vierten Teil sind wir dann in Afrika, um am Beispiel des Mitumba-Handels mitzuerleben, wir der freie Markt wirklich funktioniert. Da mich dieses Kapitel an meine Zeit in Tansania erinnerte, war ein solcher Schluss natürlich genau das, was ich mir wünschte.
Mein Fazit: Weil uns die vielen Fragen rund um die Globalisierung und den freien Markt noch lange beschäftigen werden, wünsche ich dem Buch von Pietra Rivoli viele Leser und weitere Auflagen. Denn die amerikanische Wirtschaftsprofessorin versteht es glänzend, komplexe Mechanismen der Weltwirtschaft auf menschliche Verhaltensweisen zu reduzieren. Damit leistet sie einen kleinen Beitrag zur Versöhnung zweier Lager, die beide in ihren Ideologien gefangen sind. Nur schade, dass unnötige Exkurse in das Reich der Zahlen und Fakten den vollen Lesegenuss verhindern.
spannendes Thema, aber langatmig
Datum:11.04.2007 - Rating: 3/5Grundsätzlich eine tolle Idee, die Stationen im Leben eines Kleidungsstücks nachzuverfolgen.
Leider verliert sich die Autorin dabei über große Strecken in Anekdoten und Statistiken aus der US-amerikanischen Textilbranche, und vor lauter Akronymen ist der Text manchmal sehr zähflüssig.
Und bei aller angestrebten Neutralität spürt man doch zwischen den Zeilen das Loblied auf das Allheilmittel "Globalisierung und freier Markt": Schneller und billiger.
Alltagskleidung und Globalisierung
Datum:22.01.2007 - Rating: 4/5Das Buch ist kein Anti-Globalisierungsbuch. Pietra Rivoli ist auch keine Globalisierungsgegnerin, nicht einmal eine dezidierte Kritikerin des weltumspannenden Handels- und Wirtschaftsgeflechts. Sie ist Wirtschaftsprofessorin an der Georgetown University in Washington. Es geht ihr darum, ein Bild von den komplizierten weltwirtschaftlichen Zusammenhängen zu vermitteln. Zu diesem Zweck reiste sie die Produktionsstationen eines in den USA gekauften T-Shirts nach, vom Anbaugebiet der Baumwolle in Texas quer über den Globus nach Schanghai, wieder zurück in die USA und dann noch den zweiten Weg der Kleidung, den der eingesammelten Altkleider nach Daressalam in Tansania, wo sie auf einem Second-Hand-Markt begehrte Handelsware geworden sind. Die Autorin präsentiert Daten, Zahlen, viele Hintergrundinformationen, sie lässt Menschen sprechen; sie interviewt „Ausgebeutete“ genauso wie Menschen, die sich mit dem weltumspannenden System der Billigproduktion von Textilien in irgendeiner Art arrangiert haben.
Das Buch ist keine Durchleuchtung des globalen, verwobenen und verfilzten Wirtschaftssystems: Rivoli zieht einzelne Fäden aus diesem Geflecht und verarbeitet sie zu einem Produkt: einem kontroversiellen Buch, das die Erwartungen, ein kritisches Werk der Antiglobalisierungsliteratur zu sein, nicht erfüllt. Einem Buch, das irritiert und das unbequem zu lesen ist, weil es, statt die vertraute Schwarz-Weiß-Färbung vieler Globalisierungsbücher fortzuschreiben, nicht nur Grautöne bietet, sondern auch Farbspritzer.
Spannende Business-Lektüre
Datum:30.10.2006 - Rating: 5/5Der Untertitel verspricht durchaus nicht zu viel: Pietra Rivolis "Reisebericht eines T-Shirts" erklärt tatsächlich die Weltwirtschaft anhand eines Alltagsprodukts. Der amerikanischen Universitätsprofessorin ist ein Buch gelungen, das mehr als 200 Jahre Irrungen und Wirrungen von den Anfängen der texanischen Baumwollindustrie auf dem Rücken der Sklaven bis hin zur heutigen Billigproduktion in China nachzeichnet. Das Spannendste daran ist, dass das letzte Kapitel dieser Historie noch gar nicht zu Ende ist: Der Wettlauf um die günstigste Produktion und damit um die Weltmarktführerschaft hält an. Da drängt sich eine Frage auf, die Rivoli leider nie direkt stellt: Wird auf dem Weg zu einem freieren Welthandel zuerst der amerikanische Protektionismus mit seinen abnormen Subventionen und Einfuhrregelungen zusammenbrechen? Oder wird das chinesische Produktionssystem mit seinem Heer an mittellosen Wanderarbeitern den Kürzeren ziehen? Eine äußerst spannende und teilweise auch erfrischend ironische Lektüre für alle, die etwas über die Weltwirtschaft lernen und gleichzeitig gut unterhalten werden möchten, meinen wir.
